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Die schwierige Phase eines Nierenkranken – Warten auf die Dialyse.

„Es ist schon komisch, denke ich, Mitte 40 sollte man wohl noch ohne Atembeschwerden ne Treppe hoch kommen. Na ja, stimmt schon, momentan rauche ich etwas viel. Kommt alles vom Stress in der Arbeit, im Urlaub wird´s sicher besser werden. Vielleicht sollte ich aber doch mal den Hausarzt aufsuchen, denn das mit der Erkältung wird auch nicht besser.“

Gesagt, getan - schon am nächsten Tag spreche ich in der Praxis vor. Die üblichen Untersuchungen, Blutdruck messen, ein paar Tabletten gegen Erkältung und Migräne, wie früher auch schon manchmal, vermute ich, nichts Besonderes. Es kommt aber ganz anders: "Sie haben einen Blutdruck, mit dem ich Sie als Busfahrer sofort aus dem öffentlichen Verkehr ziehen müsste-wenigstens sind Sie keiner ", sagte der Arzt mit deutlichem Stirnrunzeln. Belastungs-EKG, weitere Tests und dann der Versuch einer ersten Diagnose: " Sie haben´s entweder am Herzen oder an den Nieren. " Mich überfällt ein erstes undefiniertes, dumpfes Gefühl. " Ich schick Sie mal zum Nephrologen. " Auf meine verständnislosen Blicke hin ergänzt er, "....zum Nierenspezialisten. " Dort angelangt empfängt mich ein sympathischer, erfahrener und einfühlsamer Spezialist. Er nimmt sich Zeit für die organischen Untersuchungen, aber auch für aufklärende Gespräche. Abnahme einer Blutprobe, nach wenigen Tagen die Erklärung: " Sie sind nierenkrank, Ihre Nieren arbeiten nicht hundertprozentig. Sie müssen sich das so vorstellen, als ob da ein Sieb wäre, das partiell verstopft ist. Daher kommt auch Ihr hoher Blutdruck. Aber keine Sorge, wir können das mit Medikamenten optimal einstellen. Wir Mediziner nennen Ihre Krankheit Glomerulonephritis." Auch das noch, jetzt kurz vor dem Osterurlaub, schießt es mir durch den Kopf, und das Apartment in den Bergen ist auch schon gebucht, Schnee gibt's in Hülle und Fülle und auch unsere Freunde kommen zum Ski laufen. "Natürlich können Sie in Urlaub fahren", fuhr der Arzt fort, " aber Sie werden nicht viel Spaß mit ihren Skiern haben. Und das Rauchen sollten Sie auch aufgeben.“ Das fiel mir erstaunlich leicht und schon tags drauf flog die halb volle Schachtel Lord Extra im hohen Bogen aus dem fahrenden Auto. Es war wie Ballast abwerfen mit der Option auf schöne Skitage. Blutdruck senkende Mittel, der latent vorhandene Wunsch, doch wieder zu rauchen, dazu die klare Bergluft war einfach zu viel. Die ersten Tage konnte ich mich kaum auf den Skiern halten, die Enttäuschung war riesengroß, in Tagen um Jahre gealtert und einer ungewissen Bedrohung ausgesetzt zu sein. Zwar besserte sich mein Gesundheitszustand nach Tagen deutlich, aber fortan war ich darauf angewiesen, viermal am Tag meine Medikamente einzunehmen. Auch mit den Blutwerten, mit Kreatinin, Harnstoff, Kalium, Natrium und Phosphat lernte ich umzugehen ohne mich anfangs viel darum zu kümmern. So ging das einige Jahre ganz gut, bis zu dem Zeitpunkt, als der Kreatininwert sich zwar langsam, aber stetig verschlechterte. Vor nunmehr über einem Jahr eröffnete mir der Arzt, dass ich nun bald mit der Dialyse rechnen müsse. Im Unterbewusstsein zwar latent vorhanden, kam dann dies aber einem Schock gleich. Irgendwie stand ich nun ganz alleine da, denn meine Familie wollte ich nicht einweihen, um sie nicht auch noch zu belasten. Da ich keine Beschwerden hatte, wie üblich gesund und nach dem Sommerurlaub braun gebrannt aussah, fiel dies auch nicht schwer-bis auf die quälenden Nachtstunden, in denen ich keinen Schlaf fand und mir Horrorszenarien ausmalte-schließlich weiß man als Prä-Dialysepatient wenig bis nichts von der Dialyse und kennt auch keine Dialysepatienten. Der innere Dialog, den ich mit mir bis Weihnachten führte, verlief zusehends im Kreise, führte zu keinem Ergebnis und wurde immer mehr zu einer psychischen Belastung. Zeitweise quälten mich Gedanken, ob ich Familie und Beruf unter einen Hut bringen würde, wenn es mal mit der Dialyse losgeht – oder sollte ich lieber PD machen, statt mich drei mal pro Woche ins Diazentrum zu begeben? (PD ist die Abkürzung für Peritonealdialyse, auf deutsch Bauchfelldialyse, eine Variante der künstlichen Blutwäsche, bei der über das Bauchfell dialysiert wird) - Erst als ich meine Familie eingeweiht hatte, wir gemeinsam Hoffnung, Freud und Leid geteilt hatten und manche Tränen flossen, ging es mir wieder besser.

" Wir müssen langsam daran denken, einen Shunt zu legen", meinte der Arzt bei einem der regelmäßigen Kontrollbesuche. " Wir brauchen eine künstliche Verbindung von Vene und Arterie am linken Handgelenk, damit der Blutfluss für das Punktieren verstärkt wird – je eher, desto besser“. Allein die Vorstellung daran führte bei mir zu Schweißausbrüchen. Aber wem konnte man sich anvertrauen, denn die Familie wollte man auch nicht dauernd belasten? Quälende Tage und auch Angstvorstellungen begleiteten mich vor dem unbekannten Schnitt am Handgelenk. Trotz einer Portion Optimismus, die ich für unerlässlich halte, kreisten meine Gedanken nur um diese neue Etappe des Prä-Dialysedaseins. Nach vielen Überlegungen, Gesprächen und der Lektüre von Fachartikeln rang ich mich zur Hämodialyse durch, denn schließlich sollte ja auch mein Shunt nicht nur eine wertlose Luxusanlage sein. Dadurch wie auch durch konkrete Begegnungen mit Leidensgenossen gewann ich an Sicherheit und an Zuversicht. Und in der Tat – durch umfassende Information, durch gewissenhafte Ernährung,den Austausch kalium-und phoshorhaltiger Nahrungsmittel durch verträglicheres Essen und durch natriumarmes Mineralwasser lässt sich der Vorgang zwar nicht stoppen, aber dennoch verlangsamen und manchmal sogar stabil halten. Seither habe ich meine Situation als Wartender voll akzeptiert, sowohl mental als emotional und freue mich bewusst über jede Woche, über jeden Tag, den ich noch diafrei erleben und genießen kann ohne aber vor der Dialyse Angst zu haben.




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